Einfache Sprache und Leichte Sprache sind nicht dasselbe
Auf der Seite eines Bürgerbüros steht dieser Satz, und beim ersten Lesen wirkt er harmlos.
Original: „Die Inanspruchnahme des Angebots setzt eine vorherige Terminvereinbarung voraus; eine Bearbeitung ohne Termin kann nicht gewährleistet werden.“
Er hat siebzehn Wörter, ein Semikolon und drei Substantivierungen, und es kommt niemand darin vor, der etwas tut. Dieselbe Auskunft lässt sich auch anders aufschreiben.
Einfache Sprache: „Bitte vereinbaren Sie einen Termin, bevor Sie zu uns kommen. Ohne Termin können wir Ihr Anliegen meistens nicht bearbeiten. Einen Termin buchen Sie online oder am Telefon.“
Leichte Sprache:
- Sie wollen ins Bürger·büro kommen?
- Dann brauchen Sie einen Termin.
- Sie rufen uns an.
- Oder Sie buchen den Termin im Internet.
- Ohne Termin müssen Sie vielleicht wieder nach Hause gehen.
Alle drei Fassungen enthalten dieselbe Auskunft, aber sie tun sehr verschiedene Dinge. Die mittlere räumt den Satz auf und bleibt normaler Fließtext, den jeder lesen kann. Die untere ändert die Form der Seite selbst, mit einer Aussage pro Zeile, einer Frage als Einstieg, einem Punkt mitten im zusammengesetzten Wort und ohne jeden Nebensatz. Leichte Sprache ist also keine höflichere Variante von Einfacher Sprache, sondern ein eigenes Format mit eigenen Regeln und eigener Prüfung. Dieser eine Termin-Satz begleitet dich durch den ganzen Text, weil der Unterschied an abstrakten Regeln nicht sichtbar wird.
Zwei Sprachformen, zwei Herkünfte
Leichte Sprache ist die stärker geregelte von beiden. Das Regelwerk des Netzwerks Leichte Sprache legt ziemlich genau fest, wie ein Text auszusehen hat, mit kurzen Hauptsätzen, einem Satz pro Zeile, ohne Genitiv und Konjunktiv, mit erklärten Fachwörtern, großer Schrift und oft mit Bildern. Zusammengesetzte Wörter werden zerlegt, damit man sie in Teilen liest. Das Netzwerk setzt dafür einen Bindestrich, also Bürger-Büro, neuere Empfehlungen wie die DIN SPEC 33429 einen Mediopunkt, also Bürger·büro. Entscheide dich innerhalb eines Textes für eine Schreibweise. Am Ende steht ein Schritt, den man nicht überspringen kann, denn Menschen mit Lernschwierigkeiten lesen den Text gegen und sagen, ob er angekommen ist.
Einfache Sprache hat weniger harte Regeln und mehr Spielraum. Sie bleibt erwachsenes, normales Deutsch, nur eben aufgeräumt. Die internationale Norm ISO 24495-1 beschreibt ihre Grundsätze, die aus der Plain-Language-Bewegung stammen: Ein Text ist dann verständlich, wenn jemand findet, was er sucht, es beim ersten Mal versteht und danach handeln kann. Es geht also nicht um Wortlängen, sondern um ein Ergebnis.
Die beiden Formen erreichen unterschiedliche Leute. Leichte Sprache richtet sich an Menschen mit Lernschwierigkeiten, an Menschen mit einer geistigen Behinderung, an Menschen mit Aphasie nach einem Schlaganfall und an Deutschlernende am Anfang. Einfache Sprache erreicht eine viel größere Gruppe. Die LEO-Studie 2018 der Universität Hamburg zählt 6,2 Millionen Erwachsene zwischen 18 und 64 Jahren, die höchstens einzelne Sätze sicher lesen und an längeren zusammenhängenden Texten scheitern. Dazu kommen alle, die deine Seite müde, nebenbei, auf einem kleinen Display oder in ihrer zweiten Sprache lesen.
Was Einfache Sprache praktisch heißt
Vier Handgriffe machen den größten Teil der Arbeit, und du brauchst dafür kein Werkzeug.
- Satzlänge. Rund fünfzehn Wörter sind eine brauchbare Faustregel, dreißig sind sicher zu viel. Nach drei kurzen Sätzen darf einer aber auch mal länger sein.
- Ein Gedanke pro Satz. Sobald ein Satz eine Bedingung, eine Ausnahme und einen Sonderfall gleichzeitig unterbringt, verliert ihn jeder. Trenne am Semikolon und am Wort „sowie“.
- Aktive Verben statt Substantivketten. Aus „die Bearbeitung erfolgt“ wird „wir bearbeiten“, aus „die Inanspruchnahme setzt voraus“ wird „Sie brauchen“. In fast jedem Wort auf „ung“ steckt ein Verb, das sich versteckt hat.
- Fachwörter erklären, nicht wegwerfen. Wenn deine Kundin nach der Zwei-Faktor-Authentifizierung sucht, muss das Wort auf der Seite stehen. Setz die Erklärung in einem Halbsatz dahinter: „Zwei-Faktor-Authentifizierung, Sie geben also zusätzlich zum Passwort einen Code aus einer App ein.“
Vorher und nachher im Quelltext
Verständlichkeit hängt nicht nur an den Wörtern, sondern auch daran, wie der Text ausgezeichnet ist. Ein Block Fließtext mit einem Link namens „hier“ ist für jemanden, der sich die Seite vorlesen lässt, eine Sackgasse, weil Vorleseprogramme die Links einer Seite getrennt vom Text hintereinander ausgeben können. Der Termin-Hinweis von oben sieht im Quelltext oft so aus.
<!-- vorher -->
<div class="info">
<p>Die Inanspruchnahme des Angebots setzt eine vorherige
Terminvereinbarung voraus; eine Bearbeitung ohne Termin kann
nicht gewährleistet werden. Weitere Informationen finden Sie
<a href="/service">hier</a>.</p>
</div>
<!-- nachher -->
<section>
<h2>Termin vereinbaren</h2>
<p>Bitte vereinbaren Sie einen Termin, bevor Sie zu uns kommen.
Ohne Termin können wir Ihr Anliegen meistens nicht bearbeiten.</p>
<p><a href="/termin">Termin online buchen</a></p>
<p><a href="/leichte-sprache/termin">Diese Seite in Leichter
Sprache lesen</a></p>
</section>
Drei Dinge haben sich geändert. Der Abschnitt hat eine Überschrift, die man in der Überschriftenliste eines Vorleseprogramms anspringen kann. Die Linktexte sagen allein für sich, wohin sie führen. Und die Fassung in Leichter Sprache liegt auf einer eigenen Adresse, verlinkt dort, wo die Frage entsteht, statt im Fußbereich.
Kürzere Sätze helfen auch den geübten Lesern
Auf einem Handy passen je nach Schriftgröße etwa dreißig bis vierzig Zeichen in eine Zeile. Ein Satz mit dreißig Wörtern wird dort zu einem Block aus sechs oder sieben Zeilen, und wer dabei an der Haltestelle steht, hat den Anfang vergessen, bevor das Verb kommt. Beim Hören ist es noch härter, denn eine Stimme kann man nicht überfliegen. Wer sich die Seite vorlesen lässt, hört jeden Schachtelsatz in voller Länge.
Der Gewinn landet meistens im Postfach. Steht auf der Terminseite, wo man bucht, spart das die Mail, in der genau danach gefragt wird.
Wo Leichte Sprache passt und wo sie kippt
Sinnvoll ist sie auf den Wegen, die jeder gehen muss: was ihr anbietet, was es kostet, wie man euch erreicht, was nach dem Absenden eines Formulars passiert. Ein Verein oder eine Praxis kommt mit kurzen eigenen Fassungen dieser Seiten schon weit.
Überzogen wirkt sie an drei Stellen. Erstens, wenn die ganze Website in Leichter Sprache erscheint und geübte Leser das Gefühl bekommen, hier spricht jemand mit ihnen wie mit einem Kind. Zweitens, wenn ein Fachtext zerlegt wird und dabei die Präzision verliert, die seine Leser brauchen. Drittens, wenn eine Maschine den Text übersetzt und niemand gegenliest. Leichte Sprache ohne Prüfung durch die Menschen, die sie lesen sollen, ist nur ein kürzerer Text.
Einfache Sprache ist die vernünftige Grundeinstellung für alles. Leichte Sprache steht als zusätzliche Fassung daneben und ersetzt die Hauptversion nie.
Zwei Minuten Selbsttest für einen Absatz
Nimm den ersten Absatz deiner Startseite und geh diese sechs Schritte durch. Du brauchst dafür nichts außer dem Text vor dir.
- Lies den Absatz laut vor. Überall, wo du Luft holst, obwohl kein Punkt kommt, ist der Satz zu lang.
- Such den längsten Satz und zähl seine Wörter an den Fingern ab. Kommst du über zwanzig, teile ihn.
- Geh die Wörter auf „ung“, „heit“ und „keit“ durch. In den meisten steckt ein Verb, das wieder sichtbar werden darf.
- Markiere jedes „wird“, „werden“ und „erfolgt“ und frag dich, wer da eigentlich handelt. Setz diese Person in den Satz.
- Prüf jedes Fachwort. Wenn du es nicht in einem Halbsatz erklären kannst, gehört die Erklärung erst recht auf die Seite.
- Deck den Absatz zu und sag laut in einem Satz, was ein Besucher jetzt tun soll. Gerätst du ins Stocken, steht die Antwort nicht deutlich genug im Text.
Den härteren Test machst du danach mit jemandem, der nicht in deiner Branche arbeitet und dir nach dem Vorlesen den nächsten Schritt in eigenen Worten nennen soll.
Womit du anfängst
Zwei oder drei Seiten reichen für den Anfang, am besten die mit dem meisten Verkehr in deiner Statistik: Kontakt, Preise und die Seite, auf der jemand bucht oder bestellt. Führ dazu ein paar Wochen lang eine Liste der Fragen, die per Mail oder am Telefon kommen. Jede Frage, die zweimal auftaucht, zeigt auf einen Satz, der sie nicht beantwortet.
Ein Bedienungshilfe-Widget wie unseres macht die Schrift größer, liest vor und blendet Ablenkungen aus. Auch die automatische Vereinfachung darin arbeitet nur mit dem, was du geschrieben hast. Der Vorlese-Modus bleibt trotzdem dein ehrlichstes Prüfwerkzeug, denn ein Satz, der beim Zuhören nicht aufgeht, geht auch beim Lesen nicht auf.
Ist deine Website barrierefrei? Der Schnelltest prüft deine Startseite in unter einer Minute und zeigt dir, wo es hakt. Ohne Anmeldung.
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