Kontrast, Vorlesen, Lesehilfe: Welche Funktion wem tatsächlich hilft
Hinter jeder Einstellung im Widget steht eine konkrete Situation. Hier steht, welche das jeweils ist und wer davon profitiert.
Ein Barrierefreiheits-Widget wirkt von außen wie eine Sammlung von Schaltern. Wer nie darauf angewiesen war, sieht Kontrastmodi, Schriftgrößen und eine Vorlesefunktion und fragt sich, wer das braucht. Die Antwort ist konkreter, als die meisten vermuten, und sie betrifft deutlich mehr Menschen als die offensichtliche Zielgruppe.
Höherer Kontrast und größere Schrift
Die naheliegende Gruppe sind Menschen mit geringer Sehschärfe. Dazu kommen zwei Situationen, die jeden treffen können. Die eine ist das Alter: Ab etwa vierzig lässt die Fähigkeit nach, den Blick schnell auf Nahes scharf zu stellen, und feine graue Schrift wird anstrengend. Die andere ist Sonnenlicht. Wer draußen auf ein Handydisplay schaut, braucht dieselbe Verstärkung wie jemand mit einer Sehbeeinträchtigung.
Der Punkt dabei: Diese Einstellung gilt nur für deine Seite und nur im Browser dieses einen Besuchers. Niemand muss dafür in seine Systemeinstellungen und danach wieder zurück.
Vorlesen
Blinde Menschen nutzen in aller Regel ihren eigenen Screenreader und brauchen unsere Vorlesefunktion nicht. Sie hilft einer anderen Gruppe: Menschen mit Lese-Rechtschreib-Schwäche, Menschen, die Deutsch als zweite Sprache lesen, und Menschen, die nach einem langen Tag einen längeren Text lieber hören als lesen. Bei Legasthenie liegt die Verbreitung in Deutschland im niedrigen zweistelligen Prozentbereich der Schulkinder, das ist keine Randgruppe.
Lesehilfe und Lesemaske
Die Lesehilfe legt einen Balken unter die aktuelle Zeile, die Lesemaske dunkelt alles außer einem schmalen Streifen ab. Beides hilft beim Halten der Zeile. Wer in einer langen Tabelle oder einem Fließtextblock regelmäßig verrutscht, kennt das Problem, und es hat nichts mit Sehschärfe zu tun, sondern mit Aufmerksamkeit und Verarbeitung.
Buchstaben- und Zeilenabstand
Enger Satz sieht in einem Designentwurf gut aus und macht das Lesen für manche Menschen deutlich schwerer. Ein größerer Zeilenabstand ist die Einstellung, die in unserer Nutzung am häufigsten zusammen mit der Schriftgröße verändert wird, und sie kostet dein Layout am wenigsten.
Großer Mauszeiger und hervorgehobene Links
Ein vergrößerter Zeiger hilft bei eingeschränkter Feinmotorik und bei großen oder hochauflösenden Bildschirmen, auf denen der Standardpfeil winzig wirkt. Hervorgehobene Links lösen ein Problem, das sich viele Websites selbst schaffen: Links, die sich nur durch eine leicht andere Farbe vom Text unterscheiden, sind für farbfehlsichtige Menschen unsichtbar.
Animationen anhalten
Bewegte Elemente können Übelkeit und Schwindel auslösen, besonders bei vestibulären Störungen. Für andere sind sie schlicht eine Ablenkung, die das Lesen unterbricht. Das Betriebssystem kennt dafür eine Einstellung, aber längst nicht jede Website wertet sie aus.
Texte vereinfachen und Bilder beschreiben
Diese beiden Funktionen laufen über ein Sprachmodell. Vereinfachen schreibt einen verschachtelten Absatz in kürzere Sätze um, ohne den Inhalt zu verändern. Die Bildbeschreibung springt ein, wenn ein Bild keinen Alternativtext hat. Das ist ausdrücklich ein Notnagel und kein Ersatz dafür, Alternativtexte zu pflegen: Eine Maschine sieht, was auf dem Bild ist, aber nicht, warum es an dieser Stelle steht.
Was das Widget nicht leistet
Alle diese Funktionen verändern die Darstellung für den einzelnen Besucher. Keine davon repariert deinen Quelltext. Fehlt der Sprunglink, fehlt er weiterhin. Ist der Hauptinhalt nicht ausgezeichnet, bleibt er es. In unserer Prüfung von 14.984 deutschen Firmenwebsites hatten 99,3 Prozent mindestens eine solche Barriere, und alle stecken im ausgelieferten HTML. Das Widget hilft den Menschen, die heute auf deiner Seite sind. Die Arbeit darunter nimmt es niemandem ab.